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Zehn Jahre Bürgerschaftliches Engagement in Radolfzell


Mitreden – Mitwirken – Mitdenken – Mitmischen ...

„Die öffentlichen Dinge sind nur da in Ordnung, wo der Bürger vor die Tür treten kann, um nachzusehen, was es gibt.“     Gottfried Keller

Vorgeschichte

Am 13. Dezember 1995 gründete sich in Stuttgart die Landesarbeitsgemeinschaft zur Förderung des Bürgerschaftlichen Engagements (BE). Ziel war der Aufbau eines Landes-netzwerkes mit einer Stabsstelle für Bürgerengagement und Freiwilligendienste im Ministerium für Arbeit und Soziales. Diese wurde von Dr. Konrad Hummel („die Spinne im schwäbischen Netz engagierter Bürger“) geleitet, der aufgrund seines 1992 publizierten Buches „Freiheit statt Fürsorge – Vernetzung als Instrument zur Reform kommunaler Altenhilfe“ (Erfahrungen aus dem Projekt „Älter werden“ in Augsburg) als Mitinitiator der Idee vom Bürgerschaftlichen Engagement (BE) anzusehen ist.
 
Am 11. November 1997 fand das erste Treffen des Landesnetzwerkes in Zusammenarbeit mit Ursula Frenz von der Berufsakademie Stuttgart, die einen Studiengang hierzu eingerichtet hat, statt. In einem zur Einladung anhängenden Aufsatz legte Dr. Konrad Hummel dar, dass die Landkreise verantwortlich seien, BE voranzubringen. In den Städten sollen Bürgerbüros eingerichtet werden, in den Kreisen sollen Kreisseniorenräte, Beauftragte der Suchtprävention, der Gesundheitsämter, Geschäftsstellen der Verbände, Volkshochschulen, die Bürgermeister kleinerer Gemeinden den Erfahrungsaustausch pflegen, wie Beteiligung und Teilhabe der BürgerInnen gefördert werden können. Hummel sieht einen Wandel sozialer Dienste, um Versorgungs- und Koordinierungseinrichtungen in kleinen Gemeinwesen zu sichern. Gegen traditionelle Institutionsstrukturen (Verbände und Anstalten) soll kleinräumige Selbsthilfe gestellt werden. Bindungsverluste, höhere Mobilität von Familien, virtuelle Scheinrealität durch Medien und PC sollen kompensiert werden durch ein Stück Heimat, sich in die Gemeinschaft einbringen und in ihr aufgehoben sein. Daraus resultiert das Potential sozial engagierter Bürger. Es entwickeln sich Freundschaften, durch das Zusammenführen von Menschen mit gleichen Interessengebieten muss niemand allein bleiben, so mancher wird von Depressionen abgelenkt. Örtliche Plattformen sollen die Freiwilligen mit ihrem Einsatzbedarf zusammenführen. Der Staat soll künftig so gezeigte Eigenverantwortung verlangen und die Bürger bei ihrem Engagement durch Fortbildungsmaßnahmen fördern. Da sich ein Viertel der Mitbürger ehrenamtlich längere Zeit engagieren, auch durch Befragungen eine hohe Bereitschaft ermittelt wurde, sah man optimistisch einem landesweiten Aufbau Bürgerschaftlichen Engagements entgegen.
 
Am 23. Mai 1998, dem Tag des Grundgesetzes, traf sich die „Steuerungsgruppe Bürgerschaftliches Engagement auf Landkreisebene“ (seit 6. Juni 2002 auf Initiative von Johannes Fuchs die „Lenkungsgruppe bürgerschaftliches Engagement im Landkreis Konstanz“). Dieser bezeichnete das ehrenamtliche Engagement als eines der wichtigsten politischen Projekte für die Zukunft. Auf einer Fachtagung am 29./30. Juni in Bad Urach sprach man von der zu erwartenden Krise im Gemeinwesen, in der Demokratie, da die Industrie als Garant von Arbeit, Wohlstand und sozialen Strukturen künftig nicht mehr existieren werde.  Durch Menschen, die keine Rolle in unserer Gesellschaft haben, entstehe potentiell Gewalt. Außerdem sei die Umsetzung der Agenda 21 für Zukunft, nachhaltige Ökologie und soziale Ausgewogenheit einzufordern. Nun solle der Bürger als Teilhaber - nicht Teilnehmer – eingebunden werden. Diskutiert wurde das Beispiel von Deventer in den Niederlanden. In einem Freiwilligenzentrum arbeiten dort Bürger mit Verwaltung und Organisationen als gleichwertige Partner für das Motto „Nur die Erledigung eines Teils der benötigten Arbeit, die eben die Kräfte es Einzelnen überfordert, ist garantiert, den fehlenden Teil muss man selbst machen“.
 
Unter Vorsitz von Heike Schmieder-Wasmuth von der Arbeitsgemeinschaft Gesund-heitsförderung im Landkreis Konstanz, tagte man am 20. Oktober 1998 in der Schmiederklinik in Allensbach. Dr. Michael Hess vom Gesundheitsamt – seit 2005 im Ruhestand - wies auf die Gesundheitsberichterstattung bezogen auf Bevölkerungsgruppen hin, etwa die Versorgungsstruktur alter Menschen in stationären Einrichtungen, psychisch Kranken, Behinderten, Suchtkranken, entwicklungsauffälligen Kindern und Jugendlichen, Nichtsesshaften und der Aidshilfe. Man setzt hier auf BE, die Einbindung von Selbsthilfegruppen, auch um wegzukommen vom reinen Gesundheitswesen als „Reparaturmodell“ und der Aufklärung unwissender Patienten durch medizinische Experten. Am 28. November 1998 erfolgte die Gründung einer Interessengemeinschaft der Selbsthilfegruppen im Landkreis Konstanz.  Als beispielhaft für BE wurde auch die seit Januar 1999 existierende „Schramberger Tafel“ angesehen, gesammelte Lebensmittel (unentgeltlich) an Bedürftige abzugeben.
 
Am 12. Februar 1998 hieß es in einem Dringlichkeitsschreiben des Landratsamtes an Bürger-meisterin Fezer, „die Betreuer für Aussiedler berichteten einvernehmlich über erhebliche soziale Probleme, wie fehlende Lebens- und Berufsperspektiven, dissoziale Verhaltensweisen bis hin zu Kriminalität, von zunehmender Suchtproblematik bei Aussiedlern und anderen gesellschaftlich weitgehend isolierten Bevölkerungsgruppen. Es seien soziale Brennpunkte mit hohem Konfliktpotenzial entstanden ... Ausgehend davon, dass der Vereinssport in den Gemeinden einen wichtigen Beitrag  zur gesellschaftlichen Integration, zur Gesundheits-förderung und Suchtvorbeugung (Sic! Wie verhalten sich Alkohol und Fußball dazu?), auch zur Kriminalprävention leisten kann, ... sind niedrigschwellige Zugangsbedingungen zu schaffen.“ So wurden dann Vereine und Verbände mit einem Anschreiben ermutigt, sich beim Bürgerschaftlichen Engagement vorzustellen und ihnen Möglichkeiten der Zusammenarbeit aufgezeigt. 

Der Anfang in Radolfzell

„Was hier geschieht – Jeden geht’s an – Gemeinsam helfe mit daran“ (an einem öffentl. Gebäude in Hallein, Salzkammergut) 

1994 war der Seniorenbeirat als neues Gremium im Gemeinderat eingeführt worden und es gab einen von diesem betreuten öffentlichen Seniorentreff. Dr. Konrad Hummel aus Stuttgart, Bürgermeisterin Isabel Fezer, Gunter Hamburger als Geschäftsführer der Diakonie und der Vorsitzende des Seniorenbeirates Gerhard Klawitter stellten am Dienstag, 21. Oktober 1997 im Scheffelhof das Vorhaben „Bürgercafè“ der Öffentlichkeit vor. Am 17. November kamen im Seniorentreff Teggingerstraße um 19.00 Uhr etwa 25 Personen zusammen, unter der Leitung von Gabriele Kühnen (Diakonie), die auch seit Beginn 1997 den (heute aufgelösten) „Seetauscher-Tauschring“ mitorganisiert hatte,  und von Uwe Donath (VHS). Beschlossen wurde, einen Bürgertreff zu eröffnen, wo sich „junge und junggebliebene Bürger“ als Freiwillige für ehrenamtliches Engagement einfinden sollten. Margot Hovingh (AWO) verteidigte den Seniorentreff „Wir lassen uns nicht vertreiben!“ Sie wünschte eine andere Örtlichkeit für das Bürgercafè. Gelegentlich benötigte auch das Stadtmuseum Radolfzell für Eigenveranstaltungen den Raum im Erdgeschoss der Teggingerstraße 16. Am 28. Mai 2003 spekulierte man über einen geplanten Verkauf des ehemaligen Reichsbankgebäudes und es entstand weitere Verunsicherung darüber, wie und wo Zusammenkünfte der Initiativen und Senioren in Zukunft stattfinden können. 2004 erwarb die Diakonie das Haus, wirbt im Internet mit dem BIS und plant für 2007 ein von der Bundesfamilienministerin Ursula van der Leyen mitgefördertes „Drei-Generationen-Haus“ mit Bürgercafè.
 
Am Freitag, dem 5. Dezember 1997 um 17.00 Uhr (seit 1985 internationaler Freiwilligentag) erfolgte die rasche Eröffnung des Bürgertreffs, am Vormittag  sollte dort die „Interessenbörse“ starten. Weitere Öffnungszeiten waren der Montag Abend und der Dienstag Vormittag. Trotz anfänglicher Kritik, von „Kopfgeburt“ war die Rede, gab es dennoch begeisterte Zustimmung. Der BIS/ Senioren-treff blieb in den Sommerferien vom 30.07.-12.09.98 dann geöffnet auf Weisung des Sozialamtes. Mit Zuwendungsbescheid vom 20.03.98 aus Stuttgart erfolgte die Zahlung von anteilig 17.400,- DM für BE, für 1999 gab es sogar DM 20.700. Aber schon am 19.07.2001 ging es um die Rückzahlung von 14.564,13 DM aus den Jahren 1998-2000.
 
„Bürger-Initiative und Bürger-Schaffen“ (BIS)

„Schaffen“ steht für kreatives Wirken, sowie umsetzendes Handanlegen. Der Beitrag zur Namensgebung erfolgte am 8. Dezember 1997 von Klaus Müller, der sich um die Öffentlichkeitsarbeit und Projektorganisation bewarb, die ab Januar 1999 von Lionel Seaton-Yates übernommen wurde. Mit dem BIS wollen BürgerInnen zur Lösung sozialer Probleme beitragen. Es gibt bezahlte Anlaufstellen und Moderatoren, sowie Schulungen und Fortbildung. BürgerInnen machen die Angelegenheiten ihres Gemeinwesens zu einer gemeinsamen Sache, an der sie sich mit Kompetenz, Spaß und Gleichberechtigung beteiligen. Die Interessen- und Kontaktbörse vermittelt in einem sechsköpfigen Team, das wöchentlich 7-9 Stunden tätig ist, die verschiedenen Anfragen und Angebote. Eine Koordinierungsgruppe, in der die Interessenvertreter aus verschiedenen Initiativen und Gruppen sitzen, kümmert sich um die laufenden Geschäfte vom BIS. Am 16. September 2002 gab es eine Krisensitzung dieses Gremiums, nachdem sich Klaus Müller, Klaus-Dieter Zühlke und Rose Bolbach zurückzogen (sonst regelmäßig anwesend waren noch Uwe Donath von der VHS und Manfred Class). Am 26. März 2002 beklagte man sich in der Koordinierungsgruppe: „Frau Bürgermeisterin Isabel Fezer wird mit der unbefriedigenden Situation des BE bekannt gemacht ... Die personelle Ausstattung des BE ist völlig unzureichend, die sachkundigen Bürger wurden bei den Ausschüssen des Stadtrates ausgeschlossen, die Stadtplanung läuft an den Bürgern vorbei, das Schiesser-Projekt ist zum Erliegen gekommen. Die vom Land BW initiierten BE-Aktionen sind ausgelaufen, die Hinwendung zur Bürgergesellschaft somit nicht möglich ... Der OB...gedenkt, das Ehrenamt in das Stadtmarketing...mit einzubeziehen.“ Heute besteht die Koordinierungsgruppe aus dem Kontaktbörsenteam und Teilnehmern der Initiative „Senioren ans Netz“.
 
Eine Interessenkollision ergab sich am 18. März 1999 zwischen BE und der Bridge-Gruppe, der Räumlichkeiten im Bürgertreff Teggingerstraße nicht mehr mietfrei überlassen wurden und die am 10. Mai den Schlüssel abgab.  Es war also ein weiter Weg zu den heute sehr erfolgreich arbeitenden Initiativen, den Sprachengruppen, Literaturkreisen, Schreibwerkstätten – z.B. in den Grundschulen Liggeringen und Weiler „Alt & Jung – kreatives Schreiben in der Grundschule“. Es finden auch Lesungen mit großem Erfolg und enormer Resonanz statt. Sing- und Musizierkreise, wie Mundharmonikaspieler (im Oktober 2001 Teilnehmer in Trossingen bei den Mundharmonika-Weltmeisterschaften) und die „Querbeetsinger“ bereiten Freude und Unterhaltung. Freizeitgruppen radeln, wandern oder unternehmen Tagesfahrten. Eine Bastelwerkstatt mit einem Betreuungsteam aus sechs Personen in der Tegginger Str. 16 steht donnerstags von 16 – 19 Uhr offen.

Die pensionierte Psychologin Rose Bolbach gibt 23 Teilnehmern wöchentlich Gedächtnistraining. Es gibt Hausaufgabenhilfe, Elternkreise, „Leihomas“, Mutter-Kind-Gruppen, eine Gruppe „nachhaltige Nachbarschaftshilfe“. Der Freundeskreis „Menschen helfen Menschen“ (MhM) hat sich am 20.03.2003 gegründet und betreibt mit 30 Teilnehmern die Integration von körperlich behinderten und gesunden Menschen. Am 1. und 3. Donnerstag im Monat finden Gesprächsabende zu Themen wie Angst, Einsamkeit, Schicksal, Toleranz, Freundschaft statt, die in Zusammenarbeit mit Dr. Ute Bayer, Universität Konstanz, als Seminarzyklus entwickelt wurden. Außerdem malen sie Aquarelle und haben 2005 eine Kunstausstellung mit der VHS organisiert. 

Der Spielplatz in der Schlesierstraße 

Am 27. Juli 1998 wurde in einer Mitteilung der VHS an Ursula Frenz in Stuttgart (Stabsstelle des Landesnetzwerkes) erwähnt, dass die Rentnerin/ ehemalige Betriebsrätin Gudrun Bockelmann den Architekten Helmut Höner gewonnen habe für die Idee eines Spielplatzes gegenüber der Grundschule Sonnenrain, der 1998 wegen baulicher Mängel geschlossen wurde und sich in einem sozialen Brennpunkt mit Asylbewerbern und Obdachlosen befindet.  Bereits am 21. Juli 1998 informierte Uwe Donath von der VHS Bürgermeisterin Isabel Fezer und am 12. August den Schulleiter Peter Seemann von der Grundschule darüber, dass ab 14. September ein Flugblatt der BIS BürgerInnen in das Projekt aktiv einbinden sollte. Am 9. Oktober sollte dann eine öffentliche Sitzung in der Sonnenrainschule stattfinden, am 06.10. wurde der Antrag beim Bauamt eingereicht. Architekt Höner stellte das Projekt zur Feier des einjährigen Bestehens vom BIS, dem 05.12.98, der Öffentlichkeit vor: Im Frühjahr 1999, ab 17. April, sollten druckimprägnierte Rundhölzer für ein neues Spielgerät verbaut werden. Es galt nun, die Arbeitseinsätze, den Aushub und das Betonieren der Fundamente zu planen, es wurde um Spenden, Bäume, Bänke, Tische, Humus, Betonrohre für eine Kriechröhre gebeten.   Ein Weidenhaus sollte ebenfalls erstellt werden. Am 17. September fand die Einweihung mit Kuchen, Grillwürsten und Getränken statt, nachdem über 1200 Arbeitsstunden freiwillig und unentgeltlich an Wochenenden geleistet worden waren. Regelmäßig wurden Anzeigen geschaltet „Helfer gesucht“. In einem Handzettel an die Nachbarn hieß es: „Eine große Unterstützung wäre für uns aber auch, wenn unsere Arbeit nicht wieder zerstört wird, so wie in dieser Woche geschehen und wir deshalb zusätzliche Zeit und mehr Material brauchen.“ Den Materialwert der Spielgeräte über 32.000,- DM bezahlte die Stadt, sowie die Folgekosten durch den laufenden Unterhalt des Spielplatzes. Oberbürgermeister Günter Neurohr thematisierte auf seine Weise den Unterschied des BE zur traditionellen „Gemeinwesenarbeit“ (GWA), die zwar den Dienst betont, aber nicht die Partizipation. Am 15. Januar 2000 gab es eine Ehrung im Neuen Schloss in Stuttgart, Klaus Müller und Bürgermeisterin Isabel Fezer nahmen den Preis für die Bürgeraktion entgegen. Am 15./16. März 2000 in Mannheim erfolgte eine Präsentation des Spielplatzprojektes auf dem Markt der Möglichkeiten/ Kongress „Meet Ideas: Solidarität und Selbstverantwortung – von der Risikogesellschaft zur Chancengesellschaft“.
 

Zukunft braucht Herkunft“ wurde ein neues Projekt des BIS, da die Industriegeschichte von Radolfzell mit der Schließung des Werkes SCHIESSER ein vorläufiges Ende fand. Die Gedanken am 12. April 2000 im Nachhall zum Mannheimer Kongress kreisten um „Neuorientierung bei Arbeitsplatzverlust“, um die Frage, wie der Verlust des Arbeitsplatzes nicht auch zum Verlust des Platzes in der Gesellschaft wird. In einem Aufsatz über „Eine Börse für Bürgerarbeit“ hieß es: „Das größte Kapital der Arbeitslosen ist die ZEIT, man kann sie nutzbringend für andere und für sich selbst einsetzen, oder man schlägt sie tot (bis zum eigenen letzten Stündlein) ... Vielleicht fehlt es auch nur an naheliegenden Möglichkeiten der Betätigung, die künftig dieselbe Bedeutung haben, wie bezahlte Erwerbsarbeit ... Doch muss man zuerst die Chance haben, den Lebensunterhalt zu sichern ... Eine weitere Verbreitung der Arbeitslosigkeit zerstört die Freiheit, sich für Dritte oder die Gemeinschaft zu engagieren und würde daher das Potenzial an Freiwilligenarbeit nicht vermehren, sondern eher verringern ... In naher Zukunft wird ein kleiner Teil der im Erwerbsleben stehenden Bevölkerung einen wachsenden Teil der nicht oder kaum im Erwerbsleben stehenden wirtschaftlich erhalten müssen (aber nicht wollen).“   Am 8. Mai 2001 – historischer Gedenktag seit 1945 - fand ein Rundgang durch das Werk SCHIESSER statt, durch „Bereiche, die es bereits nicht mehr gibt oder demnächst nicht mehr geben wird“. Deshalb müsse mit der Dokumentation möglichst bald begonnen werden. Firma SCHIESSER war an dem BIS-Projekt sehr interessiert und sicherte jede Unterstützung und Mitarbeit zu, da man hier eine Form von Öffentlichkeitsarbeit sah. Eine entsprechende Präsentation der Industriekultur seit den 1870er Jahren erfolgte für das Stadtmuseum, die auch auf Firma ALLWEILER und das MILCHWERK ausgedehnt wurde. 

Das internationale Freiwilligenjahr 2001 

Der neue Oberbürgermeister Dr. Jörg Schmidt erklärte mit Schreiben vom 19. Dezember 2000 die Mitarbeit Radolfzells im Landesnetzwerk BE. Nach Mitteilung von Dr. Konrad Hummel von der Geschäftsstelle BE im Sozialministerium wurde die Auftaktveranstaltung der UN zum Freiwilligenjahr in Amsterdam vom 14.-18. Januar abgehalten, eröffnet von Königin Beatrix der Niederlande. In über 140 Staaten gebe es nationale Freiwilligenkomitees, hervorzuheben seien die „Kursangebote“ auf lokaler Ebene in Dänemark, die sich mit persönlicher Entwicklung und Grenzen des Freiwilligeneinsatzes befassen. Es gehe um das Erlernen freiwilliger Sozialarbeit, ein Aufsatz von Ann B. Brixen vom dänischen „Volunteer Centre“. Bürgerbeteiligung sollte durch das Konfliktinstrument der Mediation, bei dem die beteiligten Partner mit Hilfe ausgebildeter Moderatoren nach einvernehmlichen Lösungen suchen, gesichert werden. Überhaupt ging es um die Ausbildung von MentorInnen für BE im Sozialmanagement in Gemeinschaftsinitiativen. Daraus entstand „Fachkräfte im Landesnetzwerk BE“ (FaLBE), Motto „Corporate Citizenship – Packen wir`s an“. Umgesetzte Projekte wurden als einzig gültiger Ausgangspunkt des BE angesehen. 2001 gab es in Radolfzell 16 MentorInnen, davon 6-8 aktive, die auf Initiative von Renate Auer und Claudia Black-Rügert am 10. April 2002 im Schwertgarten gegenüber vom Pro-Seniore-Stift eine Wildbirne pflanzten, eine Bank und eine Stele stifteten für das Wachstum des ehrenamtlichen Engagements. An öffentlichen Fördermitteln gab es sehr geringe Beträge, in Radolfzell tatsächlich nur etwa 750,- Euro für Sachkosten jährlich (allerdings sind noch Personalkosten für eine volle Stelle abgerechnet worden), was auch zur Diskussion der Frage „BE als Einsparungspotenzial?“  führte. Es sei unglaublich, welches Kostenbewusstsein man in den Projektgruppen erreiche, wenn stringent Ansätze des Projektmanagements auf der Zeit, Kosten- und Nutzerschiene eingehalten würden. Es gab auch den ethischen Grundsatz „verlange von keinem, was du nicht bereit bist, selbst zu tun! 

Am 8. Februar 2001 traf sich erstmals die Radolfzeller „Interessengemeinschaft Selbsthilfegruppen“ (IGS)  im BIS-Treff in der Teggingerstraße. Am 21. Oktober 2001 fand im Milchwerk der erste Selbsthilfetag mit 44 Gruppen, die sich dort vorstellten, statt. Es gab Erfolg im Wettbewerb zur Auszeichnung kommunaler Bürgeraktionen im Jahre 2000 (Rundschreiben Regierungspräsidium Freiburg vom 14. Juni 2000): Aus Radolfzell erfolgte die Bewerbung der Gruppe „Frauen treffen Frauen“, eine seit Februar 1998 zur Förderung der Gleichbehandlung von Frauen und Männern, zur Hilfe für soziale Randgruppen, zur kommunalen Präventionsarbeit, für einen Besuchsdienst im Altenheim, für einen seit 1999 ausgelobten Naturgarten-Wettbewerb ohne exotische Pflanzen und weiteres Einbringen in die lokale Umsetzung der Agenda 21 vorbildlich wirksame Initiative. Sie unterstützen auch den Förderverein des Frauen- und Kinderschutzhauses Radolfzell. Der Preis wurde am 6. März 2001 vom Regierungspräsidium Freiburg im Rathaus übergeben. Am 27. Februar 2002 erfolgte in Stuttgart eine Ehrung für Renate Auer aus Radolfzell, Vorsitzende des 1980 gegründeten Elternkreises drogengefährdeter und drogenabhängiger Jugendlicher. 

Zu nennen ist auch das BELA-Projekt: Bürgerschaftliches Engagement für Lebensqualität ab „50+“, seit 2003 ein Konzept für eine selbstverwaltete Wohngemeinschaft mit übergreifender Funktion vom betreuten Wohnen bis zur Pflege, mit lebenslangem Wohnrecht. Es entstand der Plan für eine „Wohnen Alternativ Gestalten (WAG)“ Stiftung e.V. mit monatlichen Treffen, etwa am 5. Mai 2004 in der Höllturm-Galerie, wo Differenzen der Teilnehmer diskutiert wurden. Man gründete einen Verein mit regelmäßigen Sprechstunden donnerstags 16-17 Uhr im Haus der Diakonie. Bei den Terminen ging es auch z.B. am 17. Juni 2004 um Lebensqualität durch kreative Beschäftigung mit Lebenserinnerungen ( in Steißlingen ). In einem Gedicht von H. Walch hieß es: „Nicht nur sie verrinnen lassen und abgewartet, sondern ihr Leben gegeben, sie eingetauscht gegen Erlebnisse, Erfahrungen, Lachen und Weinen, Staunen und Bewundern; genützt für uns und andere – sie erfüllt!“ Eine Begleitung erfolgte durch die Plattform im Landesnetzwerk BE, die ARBES e.V. (Arbeitsgemeinschaft BE Seniorengenossenschaften). 

Heute aktiv ist die Initiative „Senioren ans Netz – Dialog der Generationen“ in der Computeria Radolfzell, eine seit 1998 von St. Gallen, Davidstraße 16 initiierte PC-Stuben-Bewegung für Senioren, www. computerias.ch. Montags und donnerstags trifft man sich im Alten- und Pflegeheim Radolfzell in der Poststraße 15 und Seestraße 46.  Dort sind kostenlose Surfstationen. Zur Betreuung kommen Teilnehmer der SMV des Friedrich-Hecker-Gymnasiums und des Jugendgemeinderates, sowie mindestens zwei Personen aus der Gruppe, die von Renate Auer und Dieter Bock geleitet wird. Seit 15. März 2006 gibt es in Stockach eine „Computeria“, weitere Computerias wurden am 26. Oktober 2003 in Gottmadingen und 22. Mai 2002 in Rielasingen gegründet mit Hilfe der rührigen Radolfzeller „Senioren ans Netz“.  Inzwischen verfügen sie über eine Web-Seite:  www. BIS-Radolfzell.de\Computeria.html – Das Hospital zum Heiligen Geist und die VHS Radolfzell eröffnen in einer gemeinsamen Aktion interessierten SeniorenInnen der Stadt Radolfzell die Möglichkeit, das Medium PC und die große Welt des Internet kennen zu lernen. Surfen und chatten sind Begriffe, die vornehmlich von der jungen Generation gebraucht werden und zwischenzeitlich zum alltäglichen Sprachschatz gehören. Viele Ältere haben aber zum PC keine Beziehung oder gar Angst davor, wie sie nicht wie die Kinder und Jugendlichen damit aufgewachsen sind. Interesse ist zwar bei vielen SeniorenInnen vorhanden, jedoch mangelt es ihnen oft an Zugangsmöglichkeiten. Diese Möglichkeit wird nun mit der Aktion Betreutes Surfen geboten, ... die Mitarbeit bereits „fortgeschrittener“ SeniorenInnen im Betreuungsteam ist jederzeit herzlich willkommen. Neben den begleiteten, kostenfreien Surfstunden besteht auch die Möglichkeit, Briefe zu schreiben oder kleine Texte zu verarbeiten. Auch hier ist man den SeniorenInnen behilflich und stellt ihnen das hierzu benötigte Werkzeug zur Verfügung.“
 

Zukunft und Ausblick 

Eine Gratulation zu zehn Jahren ist natürlich auch eine Aufforderung zum „Weiter so!“ Das Diakonische Werk des evangelischen Kirchenbezirks Konstanz, Geschäftsstelle Radolfzell in der Tegginger Str. 16 schreibt in der Internetpräsentation des BIS: „Im November 1997 wurde in Radolfzell eine enge Kooperation zwischen dem Diakonischen Werk, der Stadt, dem Seniorenbeirat und dem Sozialministerium BaWü zur Zusammenarbeit – im Rahmen des BE – gegründet. Radolfzell ... einer der vom Sozialministerium finanziell geförderten Modellstandorte.“  Vor diesem Hintergrund wäre eine breitere Basis des BIS auch unter Einbeziehung von Firmen, die sich für „Corporate Citizenship“ engagieren wollen – mit neuem Schwung angeraten. Gerade die Generationen der Geburtsjahrgänge 1940-60, die heute nicht mehr voll in der Mitte der Gesellschaft stehen, sondern als Ältere, Arbeitslose oder Rentner dem sozialen Abstellgleis entgegengehen, jedoch zeitlebens etwas rebellisch, kommunitaristisch oder zumindest nicht so an materiellen Werten interessiert waren, sollten mit einer zündenden, mobilisierenden Idee noch begeisterungsfähig sein. Es geht um Eigeninitiative von Bürgern, um Partizipation, Freiwilligkeit und eine damit verbundene Win-Win-Situation aller Beteiligten. Warum nicht viele dezentrale Projekte und Treffpunkte der einzelnen Gruppen haben und weitere neue Ideen anstreben? Haben wir selbstständige Aktionen und Projekte verlernt? Wollen wir uns auf „Hospitalismus“ konditionieren und uns bevormunden lassen?  Ich fürchte, die Generation 50+ wird eines Tages damit konfrontiert, dass sie so viele sind und dem kann man sich nur durch Aktivitäten für die Allgemeinheit stellen. 

 

Der vorliegende Aufsatz entstand am 18. August 2006 nach Aktenrecherche der BIS-Unterlagen 1997-2006, denen alle zitierten Aussagen entspringen. Verfasser ist der Historiker Dietmar Dieckmann, Konstanz.